Warum wir uns nicht selber kitzeln können
Psycholog:innen entschlüsseln mit einem mathematischen Modell, wie das Gehirn sensorische Reize verarbeitet
Warum können wir uns nicht selbst kitzeln? Warum nehmen wir unsere eigenen Schritte anders wahr als die eines Fremden, der hinter uns läuft? Ein interdisziplinäres Forschungsteam aus den Bereichen Psychologie, Psychiatrie und Neurowissenschaften hat ein mathematisches Modell entwickelt, das erklärt, warum unsere Wahrnehmung bei selbst erzeugten Bewegungen abgeschwächt reagiert. Diese sogenannte sensorische Abschwächung (SA) spielt eine entscheidende Rolle in unserem Verständnis von Eigen- und Fremdwahrnehmung.
Was ist "sensorische Abschwächung?"
Laut des mathematischen Modells wägt das Gehirn ständig ab, ob Informationen, also z.B. Geräusche oder Berührungen, von einer externen Quelle kommen oder von uns selbst. Also: höre ich mich selbst oder etwas anderes. Kommt die Berührung von mir selbst oder von meinem Freund oder von einem Fremden? Das Gehirn ist fortwährend aktiv damit beschäftigt, die Ursachen von sensorischen Informationen herauszufinden.
Ist der Reiz das vorhersehbare Ergebnis einer eigenen Bewegung, wird er als „intern“ eingestuft und in der weiteren Verarbeitung herunterreguliert. „Dies erklärt, warum wir uns nicht selbst kitzeln können oder warum wir in einer dunklen Straße den Schritten einer fremden Person mehr Aufmerksamkeit schenken als unseren eigenen“, sagt die Psychologin Eckert.
Fühle ich mich fremdgesteuert?
Das Modell wurde mit zwei unabhängigen experimentellen Datensätzen getestet. In den Experimenten wurde ermittelt, dass die Wahrnehmung von Reizen deutlich schwächer war, wenn die Testperson sie selbst verursacht oder aufgrund eigener Aktivität erwartete. In den Experimenten sollten Testpersonen beispielsweise mit dem Finger über geriffelte 3D-gedruckte Objekte streichen. Kurz bevor der Finger der Versuchsperson an der geriffelten Fläche ankam, wurde ein kleiner Vibrationsreiz ausgelöst. Weil das Gehirn aber schon vorhersah, dass sich die geriffelte Oberfläche wohl anders anfühlen würde, wurde der Vibrationsreiz weniger intensiv wahrgenommen. Die Ergebnisse aus den Experimenten wurden dann mit den Vorhersagen des mathematischen Modells abgeglichen, und es zeigten sich viele Übereinstimmungen. Das Modell scheint das Phänomen der sensorischen Abschwächung also gut abzubilden und vorherzusagen.
Sensorische Abschwächung (SA) spielt nicht nur eine Rolle in der alltäglichen Wahrnehmung, sondern könnte auch erklären, warum manche Menschen mit psychischen Erkrankungen Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Handlungen korrekt zuzuordnen. Insbesondere bei Schizophrenie könnte eine veränderte SA dazu beitragen, dass Betroffene das Gefühl haben, fremdgesteuert zu sein oder ihre eigenen Bewegungen nicht als selbst verursacht wahrnehmen.
„Die Erkenntnisse könnten langfristig dabei helfen, psychische Störungen wie Schizophrenie besser zu verstehen“, berichtet die Leitautorin der Untersuchung Dr. Anna-Lena Eckert. Die Studie erscheint in der Fachzeitschrift „PLOS ONE“.
Quelle:
Autorin / Autor: Pressemitteilung idw-online - Stand: 13. Februar 2025